„Journalismus ist zwar Quatsch, aber immer noch besser als arbeiten“. Dieser Spruch hing lange Zeit in der Lokalredaktion der Kölnischen Rundschau. Darin steckt Wahres, Falsches und natürlich jede Menge Selbstironie.
Lehrjahre
Als ich den Spruch das erste Mal las, hatte ich begonnen, neben dem Studium für die Lokalredaktion der Kölnischen Rundschau zu schreiben. Das lief damals so: Man fuhr „auf Termin“, kam dann in die Redaktion und schrieb gemeinsam mit den anderen freien Kollegen in der Regel dort seine Artikel. Letzteres auch darum, weil ja die Fotos gesichtet werden mussten, die man nach seinem Termin auf dem Weg in die Redaktion als Film in den Briefkasten-Schlitz des Foto-Labors geworfen hatte. So lange, wie es brauchte, die Fotos zu Negativen zu entwickeln, konnte man schreiben oder mit den Kollegen Kaffee trinken. Dieses Leben war ein eigener Kosmos – man bekam viel mit, die neuesten Lokalnachrichten liefen in der Redaktion ein, während man dabei war. Damals habe ich gelernt: Journalismus macht Spaß. Und dass es in Summe immer gut ist, mehr Zeit zu investieren, als die Geschichte, die man hat, für sich allein eigentlich gerade hergibt. Denn dabeisein lohnte sich: Wer gerade vor Ort war, bekam die besten Geschichten und die frischen Aufträge. Und wer immer gute Stücke schrieb, bekam die schönsten Termine. Das rechnete sich vielleicht nicht immer in barer Münze, aber es machte das Leben interessanter. Damals fand ich, dass „Journalismus“ besser war als „normales“ Arbeiten. Das ist fast ein Vierteljahrhundert her.
Online zuerst
Inzwischen gilt: „online first“. Der Journalismus ist digitaler, sozusagen eine Lichtgeschwindigkeit schneller, wird oft de-zentraler produziert. Viele freie Journalisten schreiben von zu Hause aus oder von unterwegs, schicken die Fotos in die Redaktion oder pflegen sie selbst im Redaktions-System mittels Content Management ein – dies alles mit der Folge, dass die Redaktion kein zentraler „Treffpunkt“ mehr für alle Freien ist. Digitalisierung macht einsamer. Digitalisierung macht alles schneller. Digitalisierung ist verführerisch, da vermeintliche Quellen schnell zu finden sind. Inzwischen ist mir längst klar: Journalismus ist „normales“ Arbeiten.
Journalismus ist kein Quatsch
Journalismus ist normale Arbeit, aber zugleich verlangt diese Arbeit aus meiner Sicht mehr als manch andere, denn es braucht Menschen, die bereit sind, die Mühe auf sich zu nehmen, jede Information zu hinterfragen, auch wenn sich das vielleicht zeitlich und/oder umsatztechnisch auf dem ersten Blick „überhaupt nicht rechnet“. Nur ein Beispiel: Wenn von Agenturen die Nachricht geliefert wird, „USB-Sticks sind unsicher“, sollte man die Schlagzeile und die Information nicht „durchwinken“ und mit ein, zwei Fakten auffüllen, sondern die Essenz hinter der Information suchen: Sind nur die Sticks selbst unsicher oder das gesamte USB-System? Und was würde das dann bedeuten? Dieser Aufwand sollte nicht nur für einen großen „Eckenbrüller“ auf der Titelseite gelten, sondern auch für den kleinsten, von Agenturen zugelieferten „Eckenfüller“. Selbiges gilt natürlich für alle Bereiche. Für kulturelle Themen hieße das beispielsweise: Nur weil etwas auf Wikipedia und auf ein, zwei fraglichen Quellen steht, muss es nicht stimmen. Journalismus ist für mich also absolut unentbehrlich.
Leidenschaft und Neugier
Journalismus ist also kein Quatsch, und Journalismus ist auch nicht besser als arbeiten. Aber es ist eine Arbeit, die konstant Einblicke in die Welten anderer Leute gibt. Es ist eine spezielle Art ist, die Welt kennenzulernen. Bei jeder Recherche lerne ich Neues. Fremde Menschen, ob berühmt oder nicht, lassen dich in ihr Haus, in ihr Leben, vermitteln dir ihre Perspektive. Lassen dich an ihrer Leidenschaft teilhaben. Journalismus ist eine Arbeit, die ungewöhnliche Erfahrungen ermöglicht. Beispielsweise steht man in einer großen Konzert-Arena mit einem Weitwinkelobjektiv im Fotograben, direkt unterhalb einer Schülergruppe, die als Statisten im Pink-Floyd-Song „The Wall“ fungieren, während sich eine gigantische, schwankende, aufblasbare Lehrer-Figuren passend zur Musik über uns alle beugt. Viel besser kann der Moment für jemanden, der gerne fotografiert, nicht werden. Da kann auch mal unerwartet Gänsehaut aufkommen. Fazit: Ein Teil des Lohns ist für mich auch die Erfahrung.
Mein journalistischer Ansatz
Mein journalistischer Ansatz insgesamt: Ich muss auch bereit sein, Extra-Meilen zu gehen. Wenn es keinen guten Beleg gibt, kann ich auch die unterhaltsamste Information nicht verwenden. Das kostet Zeit, die sich nicht direkt in Geld rechnet. Manchmal wird der Stundenlohn dadurch, ehrlich gesagt, geradezu unterirdisch. Manchmal aber finde ich alle notwendigen Infos schnell und der Text „flutscht“.
Journalismus ist eine Mischkalkulation. Wenn ich es gut machen will, muss ich bereit sein, mich nicht zu schnell zufrieden zu geben. Viel mehr recherchieren, als ich letztlich verwende. Dafür gibt eine gute Recherche aber auch einen guten Text, denn er ist dann die Essenz. Und ein guter Text macht mich zufrieden, ebenso wie ein tolles Foto. Und auch da ist es egal, wenn die Nachbearbeitung dann und wann mal mehr Zeit gekostet hat. Das ist vielleicht ein Punkt, der von einem rein ökonomischen Standpunkt aus vielleicht Quatsch ist. Vielleicht aber auch nicht: Die eigentliche Belohnung ist das Ergebnis. Ein gutes Ergebnis befriedigt den Autor, macht den Leser glücklich und den Auftraggeber. Und ein glücklicher Auftraggeber ist langfristig immer gut.
Größter berufliche Lernschleife
Als sich bei einem zeitlich limitierten, längeren Interview mit Wolfgang Niedecken das Aufnahmegerät unbemerkt verabschiedet hat. Seitdem kein Interview ohne zweites Aufnahmegerät kein Fototermin ohne zweite Kamera.
Größte berufliche Herausforderung
Nach einem langen Konzerttag für den WDR irgendwo in NRW mit Live-Mitschnitt, Ü-Wagen-Koordination, Fototermin und kritischem Konzertbesuch mitten in der Nacht vor einem leeren Blatt sitzen und zu wissen, dass, wenn andere frühstücken, Text und Fotos online sein müssen.
Größte berufliche Leidenschaften
Schreiben, Recherche, Fotoreportagen, Interviews vorbereiten, führen und übersetzen.